Der nächste Termin:
NOVA Titelgeschichte 3/2002
Die komplette NOVA finden Sie im Mitgliederbereich

Chronischer Schmerz und Sexualität
„DANN LÄSST MAN ES EINFACH …“
Sexualität gehört zum Leben. Doch chronischer Schmerz kann Lust und Leidenschaft verdrängen. Mit etwas Mut kann jeder lernen, über seine Wünsche, Ängste und Bedürfnisse zu sprechen.
"Ein Tag, an dem ich weniger oder keine Schmerzen habe, ist für mich ein Freudentag", sagt Jutta Erdmann leise.
Die Hamburgerin, Mutter von 13-jährigen Zwillingen, leidet seit zehn Jahren unter chronischen Rücken- und Unterbauchschmerzen. Vor zwei Jahren implantierten ihr die Ärzte einen Nervenstimulator, dessen Elektroden durch schwache elektrische Impulse im Rückenmark die Weiterleitung von Schmerzsignalen hemmen. Damals war Jutta Erdmann 34 Jahre alt. Seitdem muss sie weniger Schmerzmittel schlucken, doch nach wie vor ist die Belastung hoch. "Ich bin schon froh, dass ich inzwischen wenigstens meinen Alltag irgendwie geregelt kriege."
Ohne ihren Mann, davon ist die Hamburgerin überzeugt, hätte sie die schwere Zeit nicht durchgestanden: "Die Krankheit über all die Jahre, das ständige Auf und Ab, haben uns einander sehr viel näher gebracht."
Doch diese seelische Verbundenheit findet keinen Ausdruck in körperlicher Nähe. "Ich ertrage es nicht, angefasst zu werden", bekennt Jutta Erdmann, "mein Körper wehrt sich dagegen mit starken Schmerzen, die Muskulatur verspannt sich total." Selbst wenn ihr Arzt, dem sie vertraut und mit dem sie gut klar kommt, sie bei einer Untersuchung oder Behandlung berühren muss, hat sie Probleme. Ihr Körper verkrampft sich.
Sexualität? Seit fast drei Jahren hat die Schmerzpatientin mit ihrem Mann keinen intimen Kontakt mehr gehabt. "Wir haben es versucht, aber meine Schmerzen wurden dadurch schlimmer. Dann lässt man es einfach", sagt sie resigniert. Darüber reden fällt auch nicht leicht."Das Thema ist tabuisiert. Man schiebt andere Dinge vor, das Alltagsleben, es gibt ja genug Probleme, der Haushalt, die Kinder, über die man sprechen muss."
Nie mit der Hoffnung allein, aber mit der Verzweiflung
Jutta Erdmann ist kein Einzelfall. So wie ihr geht es sehr vielen Patientinnen und Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden. Wenn der Schmerz das Leben dominiert und übermächtig wird, schwindet in vielen Fällen die Freude an der Sexualität. Die Patienten ziehen sich zurück, tun sich schwer, ihre Gedanken und Gefühle mitzuteilen, und scheuen körperlichen Kontakt. Manche sind überzeugt, dass der Schmerz sie für Partnerin oder Partner weniger attraktiv macht. Körperliche Veränderungen, die beispielsweise bei schmerzhaften Gelenkerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis auftreten können, oder Narben von Operationen beeinflussen die Selbstwahrnehmung und das Bild des eigenen Körpers. Das Selbstwertgefühl leidet. So beginnt eine Abwärtsspirale: Schmerz, Rückzug, Depression, Einsamkeit, noch mehr Schmerz. "Während der Schmerzkranke mit seiner Hoffnung nie alleine ist", sagt Jutta Erdmann, "ist er es in seiner Verzweiflung um so mehr."
"Schmerz beeinflusst die Sexualität vielfältig", erklärt die US-amerikanische Psychologin Jill Mushkat vom Meridia Pain Management Center in Cleveland im Bundesstaat Ohio. "Ein Mensch, der unter chronischen Schmerzen leidet, lernt, jede Aktivität zu vermeiden, die den Schmerz auslöst. Ebenso meidet er jede Aktivität, von der er annimmt, sie könnte Schmerzen verursachen."
Schmerz - oder auch nur die Angst davor - kann sexuelle Gefühle schon in der Frühphase blockieren. Erregung verflüchtigt sich, wenn Schmerzen auftreten. Und wer sich wegen seiner Schmerzen nicht fallen lassen und entspannen kann, hat Schwierigkeiten, den Höhepunkt zu erreichen.
Medikamente, die Schmerzpatienten benötigen, können die Sexualität ebenfalls beeinträchtigen - Opioide beispielsweise das sexuelle Verlangen (Libido) und die Potenz. Auch bestimmte moderne Antidepressiva, die so genannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, lassen bei vielen Patienten die Lust unter den Nullpunkt sinken. Schon die Angst, dass sich eine Behandlung auf die Sexualität auswirken könnte, verstärkt mitunter die Probleme.
Missverständnisse in der Partnerschaft kommen hinzu. Nicht nur die Patienten sind ängstlich und unsicher. Auch die Partner wissen oft nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen. Um die kranke Partnerin oder den leidenden Partner zu schonen, warten viele erst einmal ab, halten sich zurück. Dann kann es geschehen, dass die Kranken dies falsch verstehen, die Zurückhaltung als Desinteresse oder gar Ablehnung interpretieren, enttäuscht sind - und sich ihrerseits noch mehr zurückziehen.
Welche Dimensionen eine solche Entwicklung annehmen kann, zeigt der Fall des Ehepaares Sabine und Werner Pölmer. Die sportliche Fünzigjährige litt unter starken chronischen Rückenschmerzen. Werner Pölmer fürchtete, seiner Frau beim Geschlechtsverkehr weh zu tun. Dies löste bei ihm offenkundig eine fatale Entwicklung aus: Er wurde impotent. Eine körperliche Ursache gab es dafür nicht, urteilte ein Urologe. Erst eine zwei Jahre dauernde Psychotherapie half dem 55-Jährigen, die psychischen Auslöser der Impotenz zu identifizieren: den Wunsch, seine Frau zu schonen. Doch damit waren die Schwierigkeiten noch keineswegs überwunden. Als sich der Zusammenhang zwischen seiner Impotenz und ihrer Krankheit abzeichnete, konnte Sabine Pölmer das nur schwer verkraften: Sie fühlte sich schuldig an den Problemen ihres Mannes, glaubte, ihn krank gemacht zu haben. "Es ist unglaublich", hat Annette de Groot, Vizepräsidentin der Deutschen Schmerzliga, in Gesprächen erfahren, "wie sich solche Probleme hochschaukeln können."
Unausgesprochene Probleme schaukeln sich hoch
In welchem Ausmaß Partnerschaft und Sexualität unter chronischen Schmerzen leiden, belegen Untersuchungen in Großbritannien und den USA. Eine Forschergruppe um Nicholas Ambler vom Schmerztherapiezentrum des Klinikums Bristol in England befragte 327 Patienten mit chronischen Schmerzen nach ihrem Sexualleben. Resultat: 73 Prozent berichteten über vielfältige sexuelle Probleme. Besonders häufig klagten die Patienten über Schwierigkeiten, sexuell erregt zu werden und zum Höhepunkt zu gelangen. Viele hatten ein geringes Selbstvertrauen und Versagensängste, berichteten über Probleme in der Partnerschaft und vermehrte Schmerzen durch den Geschlechtsverkehr.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine Forschergruppe um Professor Trilok Monga aus Houston im US-Bundesstaat Texas. Nur 20 Prozent der befragten Patienten mit chronischem Schmerz gaben bei einer Untersuchung an, mit ihrem Sexualleben zufrieden zu sein, obwohl 66 Prozent sich intime Kontakte wünschten. Die Mehrzahl hatte Erektions- und Orgasmusprobleme. Auffallend war, dass weder die subjektiv empfundene Schmerzstärke noch die Dauer oder Häufigkeit der Schmerzen das Ausmaß der sexuellen Störung zu bestimmen schienen. Gravierenderen Einfluss übte die Angst aus, die Schmerzen könnten sich durch den Geschlechtsverkehr verschlimmern. Eine ebenso große Rolle spielte die Angst zu versagen, unter der vor allem Männer litten.
Dieses Problem kennen auch die deutschen Schmerztherapeuten aus ihrer Praxis. "Männer stehen aufgrund ihrer Rolle häufig unter einem starken Druck", weiß Dr. Hilmar Hüneburg, Leiter des Schmerztherapeutischen Kolloquiums Bonn und Chefarzt der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Gemeinschaftskrankenhauses Bonn.
Gerade Schmerzpatienten haben schon genug Probleme im Beruf. Viele können nicht mehr arbeiten, ziehen sich von sozialen Aktivitäten im Freundeskreis zurück und übernehmen auch weniger Familienpflichten - sie fühlen sich vor sich und der Gesellschaft als Versager. "Und nun kommt noch das sexuelle Versagen oder die Angst davor hinzu", sagt Hüneburg. "Damit kommen die Betroffenen dann kaum zurecht."
Besonders problematisch ist das (Wunsch-)Bild einer Sexualität, das dank der Massenmedien in der modernen Gesellschaft dominiert. Zwar ist es von Vorteil, dass heute sehr offen über die Sexualität gesprochen wird. Aber nirgendwo wird so viel geschwindelt wie in Umfragen zum Sexualverhalten. Sexualforscher wissen dies schon lange. Verlogen ist auch die Welt der Hochglanzmagazine, auf deren Seiten sich auf ewig jung und schön retuschierte Männer und Frauen mit anscheinend unerschöpflicher Liebeslust und Liebeskraft tummeln.
Dabei sind sich Experten einig, dass Sexualität etwas sehr individuelles ist. Für manche Menschen hat sie eine große, für andere eine geringere Bedeutung. Fand jemand schon vor einer Erkrankung Sexualität wenig interessant, kann es nicht verwundern, wenn deren Stellenwert im Krankheitsfall noch weiter sinkt. Unter solchen Umständen gilt es durchaus als normal, wenn das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit hoch, jenes nach körperlichem Sex jedoch gering ist. Ebenso gilt: Für Sexualität gibt es zwar keine Altergrenze, aber ihre Bedeutung und ihr Stellenwert können sich mit den Jahren verändern.
Widerlegt ist allerdings die landläufige Vermutung, das Interesse an intimen Kontakten nähme "natürlicherweise" mit den Jahren ab. Das kann auch Annette de Groot aus Gesprächen in Selbsthilfegruppen bestätigen. "Die Jungen könnten hier sogar von der Offenheit der älteren Patienten eine ganze Menge lernen", sagt die Gruppenleiterin, die "beeindruckt ist von der Ehrlichkeit und dem Mut, mit dem Ältere über Sexualität zu sprechen bereit sind."
Eine wichtige Therapie: reden, reden, reden
Wie Paare sexuelle Probleme und Konflikte vermeiden können, darüber sind sich Experten einig: Die Kommunikation - das Sprechen über die eigenen Gefühle, über die Beziehung, über Wünsche und Ängste - ist von entscheidender Bedeutung. "Es ist zwar völlig normal, wenn die Lust auf Sexualität in bestimmten Situationen und Lebensabschnitten oder bei Krankheit weniger wird oder ganz verschwindet", erklärt Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga. "Aber gerade dann ist es wichtig, offen mit dem Partner darüber zu sprechen." Beide Partner müssen versuchen, vier wichtige Fragen zu beantworten: Was will ich? Was fühle ich? Was vermisse ich? Was brauche ich von der Beziehung? "Denn es darf nicht sein", betont Marianne Koch, "dass der Schmerz über diesen wichtigen Teil des Lebens auf Dauer die Oberhand behält." Positiv erlebte Sexualität, zu der vor allem Nähe, Intimität und Zärtlichkeit gehören, steigert das seelische Wohlbefinden und kann sich so auf die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen günstig auswirken.
Eine umfassende Schmerztherapie kombiniert Medikamente, Bewegung und psychologische Strategien miteinander. Sie kann wesentlich dazu beitragen, dass die Aufmerksamkeit der Betroffenen den Schmerz verlassen und sich wieder dem Partner zuwenden kann - vor allem jenen Gefühlen, die für jede Beziehung wichtig waren und sind. Die Partner müssen herausfinden, ob sexuelle Probleme eher körperliche Ursachen haben, ob sie therapiebedingt sind oder ob seelische Konflikte dahinter stecken. Dazu brauchen sie gelegentlich professionelle Hilfe von Schmerztherapeuten oder speziell geschulten Psychologen.
Schwere Erkrankungen und Schmerzen bringen nicht nur Probleme. Sie eröffnen auch Chancen, eine Partnerschaft neu zu gestalten. Erforderlich ist jedoch die Bereitschaft, kreativ zu sein und Veränderungen zuzulassen. Es gilt, zu erhalten, was gut ist für die Beziehung, und zu ändern, was Probleme, Leid und Seelenqualen verursacht.
Die Deutsche Schmerzliga rät:
-
Scheuen Sie sich nicht, für sich allein herausfinden, wie es um das sexuelle Empfinden steht, welche Berührungen Sie als angenehm empfinden, welche Körperteile auf Zärtlichkeit reagieren.
-
Sagen Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin, wenn bestimmte Körperteile besonders empfindlich sind.
-
Machen Sie Sex zu einer Tageszeit, in der Ihre Schmerzintensität am geringsten ist.
-
Nehmen Sie den Fokus weg vom Geschlechtsverkehr, konzentrieren Sie sich auf sanfte Berührungen, Küssen, Streicheln.
-
Schaffen Sie einen angenehmen Rahmen, sanfte Beleuchtung, entspannende Musik.
-
Entspannen Sie Ihre Muskulatur durch ein warmes Bad oder eine Dusche.
-
Sanfte Massagen lockern Verspannungen; lassen Sie sich viel Zeit für sanfte Berührungen.
-
Sexuelle Phantasien sind nicht amoralisch. Nutzen Sie die Kraft Ihrer Imagination auch in der Sexualität.
-
Erproben Sie neue Stellungen beim Geschlechtsverkehr und neue Formen der Sexualität.
-
Bewegen Sie sich sanft, vermeiden Sie ruckartige Bewegungen.
-
Wenn Schmerzen auftreten: Versuchen Sie, sich auf die angenehmen Gefühle zu konzentrieren. Wenn Sie dem Schmerz Ihre Aufmerksamkeit entziehen, tritt er in den Hintergrund.
Quellen im Internet:
Der Bezug dieser Zeitschrift, die regelmäßig
erscheint, ist im Mitgliedsbeitrag enthalten.
NOVA - das Magazin der Deutschen Schmerzliga
e.V. erscheint viermal jährlich.
Wenn Sie NOVA abonnieren wollen: Das Jahresabonnement kostet EURO 12,00 zuzüglich Versandkosten.
Zu beziehen über die Geschäftsstelle:
Deutsche Schmerzliga e.V.
Adenauerallee 18
61440 Oberursel
Aktuelle Meldungen:


