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NOVA Titelgeschichte 1/2004
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Kopf in Balance
Ein Leben voller Stress und Hektik kann Menschen krank machen. Wird es überfordert,wehrt sich das Gehirn von Migräne-Patienten mit Schmerzattacken.Die Anfälle können chronisch werden,wenn Patienten nicht vorbeugen und ihre innere Balance finden.Dabei helfen verschiedene Strategien aus West und Ost
Der Schmerz zischt wie ein weiß-greller Blitz durch den Kopf und geht schnell in ein helles Pulsieren über. Annette K., eine 38-Jährige Bankmanagerin weiß, wie der Tag nun weitergehen wird. Schon gleich nach dem Aufstehen hatte sie leichte Sehstörungen gehabt. Durch eine solche Aura kündigen sich ihre Migräne-Attacken an. Den Kopf unter der Bettdecke verbergen, nichts sehen, nichts hören, Ruhe – das wäre das, was sie jetzt bräuchte.
Doch darauf nimmt der Job keine Rücksicht. An diesem Tag steht eine wichtige Präsentation an, für die Annette K. in den letzten Tagen bis spät in die Abendstunden am Computer gesessen hatte. Eine Migräne-Attacke kann sie gerade jetzt nicht gebrauchen. Tabletten werden ihr helfen, den Anfall halbwegs glimpflich zu überstehen.
Doch die junge Frau ist beunruhigt. Während sie früher höchstens einmal im Monat, meist sogar seltener einen Kopfschmerzanfall hatte und damit einigermaßen zurechtkam, überfällt sie der Schmerz inzwischen etwa drei Mal pro Monat, in schlimmen Phasen sogar wöchentlich. „Schuld daran ist der steigende Arbeitsdruck“, sagt sie. Durch die Bank war eine große Entlassungswelle gegangen. Wer diese überstanden hat, fürchtet die nächste und muss die Arbeit der ausgeschiedenen Kollegen übernehmen.
Eine Sitzung jagt seitdem die nächste. Arbeitsessen. Der verpasste Anruf. Ein Kongress am Wochenende. Treffen mit wichtigen Kunden. Der Tag müsste 48 Stunden haben. In den zurück liegenden Wintermonaten hatte Annette K. kaum Zeit für Sport oder andere Freizeitaktivitäten gehabt: „Ich war nur im Rattenrennen, ohne einmal zu verpusten.“
Nun rebelliert ihr Gehirn. Das Signal: Das Leben von Annette K.ist nicht mehr in der Balance. Das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Belastung und Entlastung ist gestört.
Das Gehirn von Migränepatienten reagiert auf innere und äußere Reize besonders empfindlich. Der Grund ist eine genetische Veranlagung der betroffenen Patienten. Das Gehirn von gesunden Menschen schirmt sich gegen wiederkehrende bekannte Reize ab.„Die Aufmerksamkeit lässt nach, so als würde das Gehirn sagen: das kennen wir schon, das ist irrelevant, das brauchen wir nicht zur Kenntnis zu nehmen“,erklärt die Schmerzpsychologin Hanne Seemann von der Universität Heidelberg. Experten bezeichnen diese Fähigkeit des Gehirns als Habituation, also Anpassung oder Gewöhnung.
Anders das Gehirn von Migränepatienten: Diese laufen quasi ständig mit ausgefahrenen Antennen durch die Gegend. Ihr Gehirn reagiert auf bekannte Reize mit der gleichen Aufmerksamkeit wie auf neue Reize.
„Die Fähigkeit zur Habituation wirkt wie eine Art Filter“, erklärt Seemann. Dieser Filter ist mehr oder weniger dicht und kann das Bombardement mit Informationen mehr oder weniger gut abfangen. „Bei Migränepatienten scheinen diese Filterfunktionen offenbar nicht intakt zu sein“, vermutet die Heidelberger Psychologin. Das Nervensystem der Betroffenen wird daher ständig mit Informationen, Reizen und Signalen überschwemmt. Darum interpretieren manche Experten eine Migräneattacke als Zusammenbruch eines überforderten Systems. „Das unwillkürliche System erzwingt so seine Ruhepausen“, sagt Seemann.
Häufige Migräneattacken sensibilisieren das Nervensystem
Bei einer Migräne-Attacke übernimmt der Hirnstamm das Regiment. Das ist jener Teil des Gehirns, der den Schlaf- und Wachrhythmus steuert und Bewegungen kontrolliert.Vor allem hat er eine Art Türöffner-Funktion für Reize. Darum empfinden Migränepatienten Licht, Gerüche und Geräusche bei einer Attacke besonders unangenehm und pulsierende Blutgefäße als schmerzhaft.
Vor und während einer Attacke ist der so genannte Migräne-Generator besonders aktiv, eine bestimmte Region im Hirnstamm. Auch wenn die Attacke medikamentös behandelt wird, kommt diese Region nicht zur Ruhe.
Seit einiger Zeit beginnen die Forscher zu verstehen,was im Gehirn abläuft, wenn bei Patientinnen wie Annette K.die Migräneanfälle häufiger werden.„Dabei scheint eine Sensibilisierung des Zentralnervensystems eine Rolle zu spielen“, erklärt der US-Forscher Dr. Dawn Marcus von der University of Pittsburgh. Sensibilisierung bedeutet, dass das Nervensystem durch wiederholte Stimulation empfindlicher reagiert. Offenkundig scheint auch für Kopfschmerzen zu gelten, was Experten bei anderen chronischen Schmerzen schon lange wissen: Das Nervensystem kann Schmerzen lernen, wenn es nur lange genug Zeit dafür hat und sich die Schmerzimpulse wie das kleine Einmaleins im Gedächtnis einprägen. Solche Lernprozesse führen bei einer Migräne zu kurz- und langfristigen Veränderungen.
Kurzfristig kommt es beispielsweise zu einer verstärkten Berührungsempfindlichkeit. Während einer Kopfschmerz- Attacke empfinden mehr als drei Viertel der Migräne-Patienten selbst leichte Reize im Gesicht als schmerzhaft. Ursache ist eine Übererregbarkeit schmerzverarbeitender Nervenzellen in der Umgebung des Trigeminus- Nerven im Gehirn. Dies verstärkt und unterhält die Bildung schmerzhafter Impulse bei einem Migräneanfall. Diese kurzfristigen Veränderungen sind nach einer Attacke allerdings wieder vorbei.
Bei den langfristigen Veränderungen handelt es sich um eine generell wachsende Empfindlichkeit des Gehirns, das auf Reize, beispielsweise Triggerfaktoren, stärker und früher reagiert. „Eine derartige zentrale Sensibilisierung könnte auch der Grund dafür sein“, vermutet Marcus, „dass bei vielen Migränepatienten die Zahl der Attacken im Laufe der Zeit zunimmt und der Kopfschmerz chronisch werden kann.“
Eine zentrale Sensibilisierung kann man rückgängig machen
Die gute Nachricht ist: „Die der zentralen Sensibilisierung zugrunde liegenden Veränderungen können wieder rückgängig gemacht werden“, erklärt der Schmerzforscher Professor Walter Zieglgänsberger vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.
Möglich ist dies durch eine effektive Behandlung der Anfälle mit modernen Triptanen und vor allem durch vorbeugende Maßnahmen, um die Zahl der Attacken zu reduzieren.
„Vorbeugende Strategien werden jedoch noch viel zu selten eingesetzt“, klagt Professor Stephen Silberstein, Direktor des Kopfschmerz-Zentrums an der Thomas Jefferson University in Philadelphia. Mehr als die Hälfte der Migränepatienten, so der Präsident der US-amerikanischen Kopfschmerzgesellschaft weiter, kämen für eine Prophylaxe infrage, doch nur fünf Prozent setzen entsprechende Strategien ein. „Stattdessen sehen wir täglich eine große Zahl von Patienten, die zu viele Migräne- oder Schmerzmittel schlucken und darum einen Schmerzmittel-Kopfschmerz entwickelt haben“, klagt Silberstein.
Um das Leben wieder in Balance zu bringen und den Attacken vorzubeugen, brauchen Patientinnen wie Annette K. verschiedene Strategien – medikamentöse und nicht-medikamentöse. Seit einigen Wochen versucht sie, ob sie auf eine Akupunkturbehandlung anspricht. „Möglicherweise“, so hofft die Managerin, „kann die Nadeltherapie die Zahl meiner Attacken reduzieren.“
Eine steigende Zahl von Schmerztherapeuten integriert inzwischen die Akupunktur in ihr Therapieangebot und kombiniert das Verfahren mit den Methoden der Schulmedizin – getreu dem Motto:„Das Beste aus West und Ost“.
Nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch
„Wir müssen weg von dem Entweder-oder-Prinzip, hin zu einem Sowohl-als-auch“, erklärt der Nürnberger Schmerztherapeut Dr. Michael A. Überall. „Gemeinsam mit der westlichen Medizin ist die Akupunktur besonders in der Therapie chronischer Schmerzzustände nutzbringend, wenn man sie richtig macht.“
„Trotz der Verschiedenheit beider Systeme ergänzen sich gerade in der Schmerztherapie chinesische Medizin und westliche Schulmedizin hervorragend“, betont auch Magdalene Brons. Die Schmerztherapeutin im ostfriesischen Leer kombiniert nicht nur Akupunktur mit schulmedizinischen Verfahren, sondern auch andere fernöstliche Strategien, etwa chinesische Pharmaka, Tuina-Massagen und Qigong. Auf diese Art verknüpfen Ärzte in der modernen Kopfschmerztherapie nicht nur West und Ost, sondern auch Leib und Seele. „Der Kopf sitzt schließlich auf einem Menschen“, sagt Schmerzexperte Dr. Friedrich Fischer aus Köln. „Wir müssen den ganzen Menschen erfassen, um seinen Kopfschmerz zu behandeln. Leib und Seele gehören zusammen.“
Bei Qigong verrät der Name, worauf es ankommt: Neben „Qi“, der Lebensenergie, steht „gong“ für beharrliches Üben. Qigong bedeutet also „Üben oder Arbeiten mit der Lebensenergie“. Durch Übung sollen Meditation – das Sammeln des Geistes – sowie Atem und Bewegung eins werden. Ziel ist, die Lebensenergie zu aktivieren und im Körper kreisen zu lassen.
Qigong und der aus Indien stammende Yoga sind darum mehr als exotische „Rundum-Wohlfühl-Programme“: Sie wirken sich positiv auf das ganze Bewegungssystem, auf Muskeln und Gelenke aus; sie können Anspannung, Stress und depressive Verstimmungen günstig beeinflussen sowie Ängste und Schmerzen lindern. Dies bescheinigen inzwischen auch westliche Mediziner den Verfahren.
Mit Hilfe solcher Methoden, die Seele und Körper gleichermaßen berühren, sowie Entspannungsverfahren wie der Progressiven Muskelentspannung nach Jakobson, versucht auch Annette K. Ausgleich in ihr Leben zu bringen. Sie weiß, dass sie selbst aktiv werden und Managerin ihrer Schmerzen werden muss.
Körperliche Aktivität schenkt Energie und baut Stress ab
„Wenn man nicht die Lebensumstände ändert, wird man seinen Kopfschmerz nicht unter Kontrolle bekommen“, weiß der Münchener Mediziner Dr. Claus Schulte-Uebbing.
Dies ist für Annette K. das größt Problem. „Ich kann ja nicht einfach in einer Sitzung aufstehen und nach Hause gehen, nur weil es 17 Uhr ist“, sagt sie. Dennoch versucht sie, wenigstens zwei Mal pro Woche für zwanzig bis dreißig Minuten zu joggen oder zu radeln. „Jetzt, wo die Tage wieder länger werden und der Frühling kommt, ist dies auch leichter möglich“, sagt sie zuversichtlich. Die körperliche Aktivität gibt Energie, baut Stress und Erschöpfung ab. „Ich schlafe seitdem auch besser“, meint die Bankerin.
Bewegung fördert vor allem auch die Produktion körpereigener Schmerzhemmer, so genannter Endorphine. Dies führt dazu, dass sich die Schmerzwahrnehmung ändert und die Schmerztoleranz steigt – eine gute und einfache Strategie, die körpereigene Schmerzapotheke zu aktivieren.
Barbara Ritzert
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