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NOVA Titelgeschichte 4/2004
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Spiritualität
Die Verbindung des Selbst mit einer höheren Ordnung oder Macht, die Suche nach dem existenziellen Sinn des Lebens – Spiritualität war einst auch eine Dimension der Medizin.
Inzwischen entdecken Ärzte und Patienten Glaube und Hoffnung neu. Sie gehören zum Heilungsprozess dazu.
Meditation im Stehen: Beim japanischen Bogenschießen Kyudo wird das Ziel zum Spiegel des eigenen Geistes.
Viele Wege führen zum Ziel. Den Bogen spannen. Beten. Malen. Musizieren. Sich bei einem Spaziergang im Garten eins fühlen mit der Natur – Menschen können mit unterschiedlichen Strategien ihren eigenen Zugang zur Spiritualität finden.
Die meisten suchen dabei die Verbindung des zutiefst Persönlichen mit dem Universellen einer höheren Ordnung, es geht um Ganzheitlichkeit, Geborgenheit und letztendlich um die individuelle Suche nach dem existenziellen Sinn des Lebens. Spiritualität kann darüber hinaus, davon sind viele überzeugt, bei der Bewältigung von Sorgen und Leid, Krankheit und Schmerz helfen.
Spiritualität – die „Geistigkeit“ – ist dabei nicht gleichbedeutend mit Religion oder Konfession.„Ein spiritueller Glaube kann, muss aber nicht religiös gebunden sein“, betonen Kaplan Peter Speck und die Palliativmedizinerin Professor Irene Higginson vom King’s College in London in der Ärztezeitschrift British Medical Journal. Selbst Menschen, die sich als nicht-religiös bezeichnen, können eine tiefe Spiritualität empfinden und spirituelle Bedürfnisse haben. In der Tat ist Spiritualität in den modernen westlichen Industriegesellschaften inzwischen sehr viel weiter verbreitet als religiöses oder konfessionelles Engagement. Während die Zahl der Kirchgänger in Europa seit Jahren kontinuierlich sinkt und sich in Deutschland beispielsweise nur noch 39 Prozent der Bevölkerung als religiös bezeichnen, belegen Untersuchungen, dass sich eine steigende Zahl von Menschen auf spirituelle Erfahrungen einlässt. Auf der Suche nach Sinn entdecken gestresste Großstädter, Manager und Menschen in Lebenskrisen die kontemplative Welt der Klöster. Andere suchen Erleuchtung in fernöstlichen Religionen. Und asiatische Bewegungsformen wie Tai Chi, Chigong und Yoga, die im Gegensatz zu westlicher Gymnastik auch eine spirituelle Dimension haben, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Professor Michael King vom Royal Free and University College in London berichtet, dass bei einer Studie 71 Prozent der Menschen als spirituell einzustufen waren, obwohl sie dies nicht immer mit religiösen Begriffen ausdrückten.
Da muss es noch etwas geben, das dahinter liegt
Der Schmerztherapeut, Neurologe und Psychiater Dr. Robert Reining, beratender Arzt der Deutschen Schmerzliga, weiß, dass dies auch auf viele Schmerzpatienten zutrifft. „Wir leben in einer antireligiösen Zeit“, sagt er. „Viele Leute treten aus den Kirchen aus und denken, sie seien frei. Dann erst merken sie, dass das, was sie eigentlich suchen, nicht in den Erklärungen zu finden ist, die etwa Naturwissenschaftler haben, sondern dass es noch etwas geben muss, was dahinter liegt.“ Es geht um die Frage, so Reining, „ob es irgendetwas gibt, was mein Leben sinnvoll macht und ob meine Krankheit in diesem Konzept eine Bedeutung hat“.
Mitunter wird erst durch eine Erkrankung erkennbar, was wesentlich ist im Leben. „Ich kenne Patienten, denen war früher das Häuschen oder das Auto wichtig“, erzählt Reining. „Durch eine Erkrankung hat sich dies völlig gewandelt, plötzlich gewannen andere und auch spirituelle Dinge an Bedeutung.“ „Ein Schicksalsschlag oder eine Krankheit kann in eine schwere Depression führen und in völlige Hilflosigkeit“, erklärt die Psychologin Hanne Seemann von der Universität Heidelberg. „Gelingt es, diese Hilflosigkeit in Vertrauen und Hoffnung zu verwandeln, kann dies das innere Milieu und die Befindlichkeit beeinflussen.“ Für den US-amerikanischen Krebsmediziner Professor Jerome Groopman ist darum „Hoffnung so wichtig wie Sauerstoff zum Atmen.“ Denn die beiden Komponenten der Hoffnung – Glaube und Erwartung – beeinflussen die Schmerzmatrix, jenen Teil im Zentralnervensystem, in dem das komplexe Gefühl Schmerz entsteht. Sie stimulieren vor allem die körpereigene Schmerzhemmung.
Wenn starke Schmerzen nicht gelindert werden, kann hingegen die Hoffnung schwinden. Dann verliert die körpereigene Schmerzhemmung ebenfalls an Kraft. „Diesen Teufelskreis muss man durchbrechen“, fordert Groopman. Möglich sei dies durch den ersten Funken der Hoffnung, der wiederum eine Kettenreaktion nach sich zieht und die körpereigenen Schmerzhemmsysteme erneut aktiviert. „Patienten und Ärzte beginnen inzwischen den Wert von Glaube und Hoffnung beim Heilungsprozess zu erkennen“, betont auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Früher waren Religion und Heilung eng verwoben
Inzwischen fragt sich eine wachsende Expertenschar, ob dieser Wunsch der Patienten nach einer ganzheitlichen Medizin, die auch spirituelle Aspekte berücksichtigt, eine Reaktion auf die wachsende Technisierung der Medizin ist. „Früher waren Religion und Heilung eng miteinander verwoben, waren Priester und Arzt oft ein und dieselbe Person“, schreibt Dr. Fred Rosner vom Queens Hospital Center im US-Bundesstaat New York in einer Fachzeitschrift. Die moderne wissenschaftliche Medizin hat Spiritualität und Medizin voneinander getrennt, wodurch die Heilkunde eine Dimension verloren hat, die für viele Menschen bedeutsam ist.
„Dass eine Idee oder ein Gefühl Einflüsse auf den Körper haben kann, ist inzwischen gesichert, “ sagt Professor David Spiegel von der kalifornischen Stanford-Universität. Moderne Forschungsrichtungen wie die Psychoneuroimmunologie, die Lehre von der gegenseitigen Beeinflussung von Psyche und Immunsystem, und die Psychoneuroendokrinologie, die Lehre vom Zusammenspiel zwischen Psyche und Hormonsystem, liefern inzwischen zumindest einige Erklärungen, über welche Mechanismen der Geist auf körperliche Vorgänge einwirken kann – und umgekehrt. Gefühle können ganze Heerscharen von Botenstoffen im Gehirn freisetzen und so die Physiologie des Körpers beeinflussen.
„Die Medizin ist für diese Einsichten offener geworden“, bestätigt Professor Andrew Newberg von der University of Pennsylvania. Für den amerikanischen Radiologen und Nuklearmediziner steckt das Geheimnis der Spiritualität in der Architektur des menschlichen Gehirns. Zwar kann auch die Hirnforschung die Frage nicht beantworten, ob Gott das menschliche Gehirn erschaffen hat oder ob sich das menschliche Gehirn Gott erschaffen hat, aber Newberg ist optimistisch, dass die modernen Neurowissenschaften die Vorgänge im Gehirn bei spirituellen Erlebnissen ein klein wenig erhellen können. Darum hat das Team von Newberg mit bildgebenden Verfahren untersucht, was sich im Gehirn von Menschen abspielt, die meditieren oder beten.
Meditation aktiviert die Schmerzhemmung
„Unsere Forschung verknüpft Spiritualität mit Gesundheit“, erklärt er, „selbst wenn noch längst nicht alle Puzzlesteine zusammenpassen und noch sehr viel Forschungsarbeit nötig ist.“ Gleichwohl konnte das Team von Newberg zeigen, dass Meditation verschiedene Hirnregionen und unter anderem auch das Schmerzhemmsystem aktiviert. Die Untersuchungen zeigen, dass bei einer Meditation beispielsweise bestimmte Regionen im Stirnhirn aktiv sind, die auch bei anderen Aufmerksamkeitsleistungen aktiviert werden. Gleichzeitig sinkt die Aktivität in Regionen, in denen Informationen über die dreidimensionale Orientierung des Körpers im Raum verarbeitet werden. „Dies könnte erklären,“ sagt Newberg „warum Menschen bei einer Meditation die räumliche Wahrnehmung verlieren und das Gefühl haben, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen“.
Kann Glauben, Religiosität und Spiritualität tatsächlich wissenschaftlich nachweisbar den Verlauf von Krankheiten beeinflussen? Die Fachwelt ist darüber tief zerstritten, vor allem in den USA,wo Religion für die Bürger eine größere Rolle spielt als in Westeuropa. Während die eine Seite Hunderte von Untersuchungen ins Feld führt, die solche Zusammenhänge angeblich beweisen, zerpflückt die andere Fraktion diese Studien als fehlerhaft und kritisiert die Schlussfolgerungen als überzogen.
Bei ihren Untersuchungen überprüfen die Forscher beispielsweise, ob religiöse Menschen gesünder sind, länger leben oder besser mit Krankheit zurecht kommen, als nicht religiöse. Das Sterberisiko älterer Menschen, die regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen, so belegen zwei Studien, war in einem sechsjährigen Beobachtungszeitraum um 28 Prozent geringer als das von Menschen, die nur selten zur Kirche gingen. Als Ursache vermutete das Team um Studienleiter Professor Harold Koenig vom Duke University Medical Center in Durham im US-Bundesstaat North Carolina, dass religiöse Menschen einen gesünderen Lebensstil pflegen, auf Alkohol und Tabak verzichten und seltener depressiv werden. Religiöse Menschen sind darüber hinaus oft in Gemeinschaften eingebunden und erhalten darum Unterstützung.
Kirchgänger leben gesünder und darum oft auch länger
Kritikern zufolge stehen die Ergebnisse der vielen anderen Untersuchungen allerdings auf wackeligen Füßen. „Die Hinweise auf mögliche positive Wirkungen sind generell schwach und wenig überzeugend“, schreiben beispielsweise die Professoren Richard Sloan und Emilia Bagiella von der New Yorker Columbia Universität im renommierten Fachblatt New England Journal of Medicine. Die Studien seien fehlerhaft und lieferten nur widersprüchliche Ergebnisse.
Um den Streit zu mildern, gaben die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA in Bethesda bei Washington eine Analyse der bislang vorliegenden Studien in Auftrag. Resultat: Glaube verschafft Wohlbefinden wenn jemand krank ist, aber er kann weder das Wachstum einer Krebsgeschwulst stoppen, noch beschleunigt er die Genesung bei einer akuten Erkrankung.
Glaube sorgt bei Kranken für Wohlbefinden
Während Religiosität – beispielsweise der Besuch von Gottesdiensten - noch vergleichsweise einfach zu erfassen ist, wird es bei der Messung der Spiritualität nochmals komplizierter. Gleichwohl haben etliche Forschergruppen in den USA begonnen, die Wirkung von Spiritualität auf Krankheit und Schmerz zu analysieren. So untersuchten Wissenschaftler beispielsweise den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden, Spiritualität und Lebensqualität bei Patienten mit entzündlichem Gelenkrheuma (rheumatoider Arthritis). Resultat: Die Forscher konnten einen Zusammenhang zwischen Spiritualität und Lebensqualität feststellen.
Die Spiritualität hatte zwar keinen Einfluss auf die Entzündungsprozesse in den Gelenken, wirkte sich aber günstig auf das Gefühlsleben der Patienten aus. Sie fühlten sich insgesamt wohler und schenkten den positiven Dingen in ihrem Leben mehr Beachtung. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine Forschergruppe der Duke-Universität in Durham: Patienten mit rheumatoider Arthritis profitierten auch bei dieser Untersuchung von spirituellen Praktiken. Sie hatten eine bessere Stimmung und mehr Zutrauen, ihre Schmerzen kontrollieren zu können.
Solche Zusammenhänge räumen auch jene Wissenschaftler ein, die den allzu simplen Vorstellungen mancher Kollegen kritisch gegenüberstehen. „Es ist sicherlich zutreffend,“ sagt Richard Sloan „dass viele Patienten in schweren Zeiten von Spiritualität und Religiosität profitieren können.“ In den USA bietet inzwischen darum mehr als die Hälfte der medizinischen Fakultäten spezielle Kurse an, in denen die angehenden Ärzte lernen, mit Patienten auch über Fragen von Glauben und Spiritualität zu sprechen. Denn in der üblichen Medizinerausbildung lernt kein Student, wie er reagieren soll, wenn ihm ein schwer kranker Patient beispielsweise voller Verzweiflung sagt, er hätte jetzt erst bemerkt, dass er nie gelebt habe.
Allerdings widerspricht Sloan den Forderungen mancher Enthusiasten, dass Ärzte Religiosität empfehlen sollten – als komplementäre, also ergänzende Therapiemethode. „Man kann Religion oder Spiritualität nicht wie ein Antibiotikum einsetzen.“
„Denn Religion kann nicht nur eine hilfreiche, sondern auch eine zerstörerische Kraft sein“, erklärt der New Yorker Krankenhaus-Seelsorger Dr. Raymond Lawrence. Das haben die Forscher inzwischen ebenfalls beobachtet. In einer im Juli diesen Jahres veröffentlichten Untersuchung beschreibt das Team von Harold Koenig sowohl positive als auch negative religiöse Bewältigungsstrategien. Patienten, die beispielsweise Krankheit oder Schmerzen als göttliche Strafe interpretierten oder die passiv darauf warteten, dass Gott ihr Problem schon lösen wird, ging es schlechter als jenen, die positive Strategien einsetzten. Als günstig erwies sich unter anderem, wenn Patienten sich durch die Konzentration auf spirituelle Aktivitäten ablenken konnten oder versuchten, neuen Lebenssinn oder Unterstützung durch Transzendenz zu finden.
Spirituelle Bedürfnisse muss man ernst nehmen
Beten auf Rezept oder ärztlich verordnete Spiritualität nutzt keinem Patienten. Davon ist Schmerztherapeut Robert Reining überzeugt: „Ich würde dies von mir aus nie einem Patienten raten. Das muss aus ihm selbst heraus kommen.“ Aber wenn ein Patient diesen Wunsch äußert, ist es wichtig, so Reining, „dass er zunächst einmal Verständnis und einen Gesprächspartner dafür findet, sei es, den Arzt, den Pfarrer oder einen Freund“.
Dieses Verständnis forderte Anna A., eine 71-jährige krebskranke Frau, auch von ihrem behandelnden Arzt Jerome Groopman, als sie ihn bat, mit ihr zu beten. Wie Groopman in einer Fachzeitschrift schreibt, fühlte er sich dadurch völlig überfordert und rettete sich nach einigem Nachdenken in eine Gegenfrage: „Wofür soll ich beten?“ – „Beten Sie zu Gott, dass er meinen Ärzten Weisheit schenkt“, sagte Anna A.. „Dazu konnte ich“, schreibt Groopman, „nur ganz leise ‚Amen‘ sagen.“
Barbara Ritzert
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