NOVA Titelgeschichte 2/2009

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DIE HEILENDE KRAFT
DES GÄRTNERNS

GRÜNE THERAPIE

Gärten bieten mehr als Gemüse und Entspannung:

Sie sind Quellen der Lebensfreude. In speziellen Therapiegärten finden Patienten ihre Kräfte wieder

Genug für heute. Zufrieden bindet sich die Patientin ihre Schürze ab. »Ich höre jetzt auf meinen Körper«, sagt Vera Schüssler, »und wenn ich merke, es wird jetzt ein bisschen anstrengend, lege ich eine Pause ein. Dann gehe ich lächelnd aus dem Garten, auch wenn ich nicht alles
geschafft habe.«

Vera Schüssler kommt gerade aus der Gartentherapiestunde an der Rothaarklinik im Helios Rehazentrum im nordrhein-westfälischen Bad Berleburg. Die vierfache Mutter, eine technische Fachassistentin, kämpft seit Jahren mit chronischen Depressionen. Seit zwei Wochen nutzt sie das Gartenangebot der Rehaklinik, obwohl sie das zunächst nicht wollte. »Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt. Ich sagte: Ich mache hier alles, aber in den Garten gehe ich nicht.« Schmunzelnd blickt sie auf den widerwilligen Beginn ihrer Therapie im Grünen zurück. »Ich habe zu Hause einen Garten, und das ist nur Stress für mich.«

Mit ihrer Familie war sie in ein neues Haus gezogen, hatte die nackte Erde darum herum möglichst schnell in ein kleines Paradies mit Kräuterschnecke, Garten- und Gewächshaus verwandeln wollen – und sich dabei übernommen. »Die Therapeutin«, berichtet Vera Schüssler, »lehrte mich, Pausen zu machen. Zuhause hätte ich drei Stunden weitergehackt und am nächsten Tag schreckliche Rückenschmerzen gehabt. Das macht keine Lust auf Garten. Jetzt ist der Garten meine Lieblingstherapie.«

Grün ist gut für Leib und Seele. Und Gärtnern ist eine unerschöpfliche Quellen der Lebensfreude. Das gilt nicht nur für Menschen mit grünem Daumen. Auch Ärzte und Therapeuten nutzen zunehmend die positiven Effekte der Arbeit im Garten. Zahlreiche Kliniken, Behindertenwerkstätten und Seniorenheime in Deutschland bieten heute Gartentherapie an. Denn bei der praktischen Arbeit im Grünen, betonen Experten, sind -Patienten – vor allem solche mit chronischen Krankheiten – nicht mehr passiv Gepflegte, sondern aktiv Pflegende: Sie sorgen für keimende Pflänzchen, sehen den Erfolg, wenn Blumen, Kräuter und Gemüse heranwächst.

Das macht die Gartentherapie auch für Menschen mit chronischen Schmerzen interessant. Schon lange wissen Ärzte und Psychologen, dass die grüne Natur beruhigend wirkt und damit auch physiologische Vorgänge im Körper beeinflusst: Blutdruck und Herzschlag sinken, Muskeln entspannen sich, die Haut wird leitfähiger. Der USamerikanische Umweltpsychologe Roger Ulrich fand 1981 heraus, dass frisch operierte Patienten, die vom Krankenbett aus ins Grüne blicken, sich schneller erholen als solche, die nur nackte Wände vor Augen hatten. Danach begannen Ärzte und Wissenschaftler, die in der traditionellen Heilkunde über mehr als tausend Jahre lang beschriebene heilende Wirkung der grünen Natur mit modernen Mitteln zu erforschen. Auch in Deutschland, wo es schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gartentherapeutische Ansätze gab, wurden von 1990 an erste Klinikgärten angelegt.

Einige Erfolge kann die »grüne Therapie« inzwischen vorweisen – bei frisch Operierten ebenso wie bei Schlaganfallpatienten, bei Menschen mit Depressionen und solchen mit Stress. An einer New Yorker Rehabilitationsklinik erkunden Mediziner, wie sich grüne Pflanzen auf Schmerz und Angst von Patienten in der orthopädischen Rehabilitation auswirken. Und seit Herbst 2007 erforscht ein Team um Professor Renata Schneiter-Ulmann an der Schweizer RehaClinic Zurzach, wie Gartentherapie bei chronischen Schmerzpatienten wirkt.

Patienten mit Fibromyalgie sowie chronischen, unspezifischen Rückenschmerzen und generalisiertem Schmerzsyndrom erfahren bei dieser Studie in sieben Therapieeinheiten, was sie im Garten erleben und erschaffen können. Dabei trainieren sie ergonomisches Bücken, Heben, Tragen und Stehen in vorgebeugter Haltung am Arbeitstisch. Die Untersuchung läuft noch, aber »die Begeisterung für das vierwöchige Therapieprogramm ist groß«, berichtet Schneiter-Ulmann, Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. »Keine einzige Therapieeinheit ist seit der Einführung des Programmes ausgefallen.«

Lust statt Last im Garten spüren auch die Patienten wie Vera Schüssler, die das gartentherapeutische Angebot der Helios Rothaarklinik in Bad Berleburg nutzen. Zweimal pro Woche arbeitet die Kunst- und Gartentherapeutin Ingeborg Klotz eineinhalb Stunden mit den Patienten der psychosomatischen Rehaklinik im Garten oder im Gewächshaus. »Der Garten«, erklärt die Therapeutin. »ist ein Ort, wo man lernt, mit seinen Kräften umzugehen, auf andere zuzugehen und zusammenzuarbeiten. Durch den Umgang mit Pflanzen merkt man, auf sich selbst zu achten. Indem wir gut zur Pflanze sind, lernen wir, gut zu uns zu sein: Habe ich Durst? Wann will ich alleine sein, wann möchte ich Kontakt? Wann brauche ich eine Pause?«

Zu Beginn jeder Stunde führt Ingeborg Klotz eine kurze Gesprächsrunde. Manche Patienten haben Kopf- oder Rückenschmerzen, darauf achtet die Gruppenleiterin. Dann geht sie mit den Patienten durch das Gewächshaus, den Kräuter- und Blumengarten. Jeder kann seine Tätigkeit und Gruppe auswählen. Gearbeitet wird in Vierergruppen. Komposterde sieben, in die Schubkarre schaufeln und zum Gewächshaus fahren: Das ist für einen allein sehr anstrengend, zu viert jedoch machbar.

Nach etwa 45 Minuten trinken alle Tee aus den Kräutern, die im Garten wachsen, und besprechen, was in der zweiten Halbzeit passieren soll. »Das ist sehr unterschiedlich«, berichtet Ingeborg Klotz. »Manche arbeiten weiter, andere pausieren, pflücken Blumen oder führen leichtere Arbeiten aus wie Äste abschneiden. Am Schluss räumen wir auf und gießen alles. Auch da kann man viel lernen: Manche Pflanzen brauchen viel, andere wenig Wasser; manche müssen von oben, andere von unten aus bewässert werden.«

Die letzten zehn Minuten sind für die Abschlussrunde reserviert. Auf das Schlussritual freuen sich die Gärtner ganz besonders: Sie ernten. Liebstöckel, Pfefferminze oder Thymian, je nach Vorliebe. Wer möchte, kann auch etwas davon zum Abendessen mitnehmen. »Darum sind die Leute aus der Gartengruppe immer besonders begehrt«, freut sich Klotz. »Durch den Kontakt der Patienten untereinander entstehen häufig schon die neuen Interessenten.«

»Ein Klinikgarten ist ein Freiraum im wortwörtlichen Sinn«, sagt Andreas Niepel. »Und das ist sehr wichtig, um auf gleicher Augenhöhe zusammen zu kommen. Wir Gartentherapeuten sind mehr Gärtner als Therapeuten.« Niepel weiß, wovon er spricht. In Deutschland gehört der 46 Jahre alte gelernte Gärtner zu den Pionieren der Gartentherapie. Er war maßgeblich am Aufbau der Ausbildung für Gartentherapeuten beteiligt. Seit 1992 arbeitet er als Gartentherapeut und Gärtner an der Klinik Holthausen in Hattingen an der Ruhr. Derzeit lehrt er in Köln bei der berufsbegleitenden Weiterbildung »Gärten helfen Leben« unter Federführung der Caritas.

»Im Garten kommunizieren wir offener als in der üblichen Therapiesituation«, erklärt Niepel einen besonderen Vorteil der Arbeit im Grünen. »Die Menschen haben häufig mehr Ressourcen zum Thema Garten als der Profigärtner und geben mir Tipps. Ich bin ein ziemlicher ,Gemüseversager‘, obwohl ich seit 25 Jahren Gärtner bin. Welche Pflanzen passen zu Möhren? Was soll man zu Bohnen setzen und wie herum drehen diese sich? Man kann nicht alles wissen.« Ein weiterer Vorteil: Für nahezu jeden Patienten gibt es im Garten eine angemessene Tätigkeit. Tomaten kann jemand auch vom Rollstuhl aus pikieren – wenn er in der Lage ist, beide Hände zu benutzen. Schwer beeinträchtigte Patienten können Erde feinkrümeln oder Kürbisse aussäen.

»Ich würde ja gerne weiter gärtnern, aber ich schaffe das alles nicht mehr.« Dieses Argument hört Andreas Niepel von vielen Patienten, und deshalb geben viele Menschen ihren Garten auf. Häufig könnten sie ihn erhalten, wenn sie kleine Veränderungen vornähmen.

»Man muss herausfinden«, sagt der Gartentherapeut, »was nicht mehr geht, wenn ein Patient beispielsweise die Arme nicht mehr für längere Zeit über Schulterhöhe heben kann, unsicher geht oder wegen der Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten Angst vor Verletzungen hat.« Für jedes Problem, sagt er, gibt es auch eine Lösung: »Mehr Schatten schaffen, den Rasen beseitigen, ein Hochbeet anlegen, einen Handlauf anbringen, den Bodenbelag erneuern. Man muss, wie wir das in der Klinik machen, die Fähigkeiten des Menschen ansehen und prüfen, wo diese im Garten an ihre Grenzen stoßen.«

 

NOVA fragt nach: Eignet sich Gartenarbeit auch für Schmerzpatienten, Frau Klotz? Verstärkt Gartenarbeit nicht den Schmerz?

Bei mir in der Gartentherapie lernen die Teilnehmer, mit ihren Aktivitäten so umzugehen, dass sich der Schmerz nicht verstärkt. Beispielsweise wechseln sie ihre Tätigkeiten ab und arbeiten nicht lange im Bücken.

Aber im Garten muss man sich doch viel bücken?
Nicht unbedingt. Es gibt auch sitzende Tätigkeiten für Menschen, die sich nicht gut bewegen können. Arbeiten wie zum Beispiel Umtopfen kann man zwischendurch einschieben, weil man das auch im Sitzen tun kann. Menschen mit -Rückenschmerzen sollten möglichst aufrecht viel an Tischen und nicht am Boden arbeiten.

Worauf müssen Rückenschmerzpatienten achten? Rückenschmerzpatienten sind meist sehr leistungsorientiert. Wichtig ist: Sie müssen auf ihren Körper achten und Ihre Ansprüche ruhig nach unten korrigieren. Gartenarbeit soll ja Freude bereiten. Rückenschmerzpatienten sehen oft nur ihre Arbeit und ihre Ziele. Sie beugen sich zu weit vor dabei und müssen lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren.

Wie können Rückenschmerzpatienten anstrengende Arbeiten verrichten?
Erstens: Sie sollten solche Arbeiten reduzieren. Aus ökologischen Gründen wird zum Beispiel Erde nicht mehr umgegraben. Das Umgraben verändert die ganze Ökologie des Bodens mit all den darin enthaltenen Mikroorganismen. Es reicht, ihn nur zu lockern und frischen Kompost einzuarbeiten.

Zweitens: Sie sollten sich Hilfe holen. Man kann auch Freunde oder Bekannte einladen, um Arbeiten zu erledigen, die viel mit Heben verbunden sind. Zu zweit trägt man nur die halbe Last, und wenn man sie mit aufrechtem Rücken trägt, schmerzt der Rücken danach auch nicht. Parallel dazu muss man natürlich auch die Rückenmuskeln stärken, zum Beispiel durch eine Rückenschule oder durch Yoga- oder Gymnastikübungen für den Rücken.

 

Was ist beim Werkzeug zu beachten? Rückenschmerzpatienten sollten unbedingt geeignetes Werkzeug benutzen. Sie sollten sich Geräte mit einem langen, verstellbaren Stiel anschaffen.

Zweitens: Sie sollten sich Hilfe holen. Man kann auch Freunde oder Bekannte einladen, um Arbeiten zu erledigen, die viel mit Heben verbunden sind. Zu zweit trägt man nur die halbe Last, und wenn man sie mit aufrechtem Rücken trägt, schmerzt der Rücken danach auch nicht. Parallel dazu muss man natürlich auch die Rückenmuskeln stärken, zum Beispiel durch eine Rückenschule oder durch Yoga- oder Gymnastikübungen für den Rücken.

Ingeborg Klotz ist Kunst- und Gartentherapeutin in Bad Berleburg

TIPPS:
MEHR INFOS ZUR GARTENTHERAPIE
- Buchtipps

»Garten und Therapie. Wege zur Barrierefreiheit« von Andreas Niepel und Silke Emmrich. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2005; 174 Seiten, 39,90 Euro
Als E-Book zum Download: 29,90 Euro >https://www.ulmer.de<
»Gartentherapie«, herausgegeben vom Deutschen Verband der Ergotherapeuten e.V.;
Autoren Christa Hüneke-Berting, Sandra Jung, Gabriele Kellner, Fritz Neuhauser, Andreas Niepel, Maria Putz. Verlag Schulz-Kirchner, Idstein 2007, 208 Seiten, 24,95 Euro

- Internet
http://www.garten-therapie.de
Die Seite wurde 1999 von Andreas Niepel gegründet



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